Vielfach mehr Suchergebnisse, als die verunglimpften Begriffe „nachhaltig“ und „Nachhaltigkeit“ (jeweils knapp über 30 Millionen), findet man bei Google für das Wort „Zukunft“ (über 210 Millionen). Und welchen nachdenklichen Beobachter beschleicht nicht das Gefühl, dass, je mehr von einer Sache geredet, sie desto weniger praktiziert wird.

Tagein tagaus wird in den Medien und öffentlichen Veranstaltungen darüber schwadroniert, wie man diese oder jene Einrichtung „fit für die Zukunft“ machen kann – und natürlich meint jeder damit etwas anderes. Bei etwas älteren Zeitgenossen hat man oft das Gefühl, dass in ihren Köpfen immer noch beliebte Bildbände aus ihrer Kindheit herumspuken, die so spannende Titel trugen wie „Zukunft – Das Bild der Welt von Morgen“, wo sich Grafiker wie Klaus Bürgle und Günter Radtke mit ihren Science Fiction Phantasien austoben konnten. Eine sterile Welt aus Autobahnen, Wolkenkratzern, Parkplätzen und Glasröhren, wo die wenige Natur aussieht wie das Begleitgrün einer Modelleisenbahn.

Auch Wolkenkuckucksbürgermeister Quasselbacke scheint diese Bücher gelesen zu haben. Für die Ziele der Nachhaltigkeit, des Klimaschutzes und der Artenvielfalt gehen er und seine Stadt mit gutem Beispiel voran und setzen konsequent auf Träume die längst Alpträume geworden sind. Die autogerechte Stadt wird, trotz allen Nachhaltigkeitsgeschwätzes, munter weitergebaut. Es werden Bäume gefällt, Gärten geschottert und Flächen versiegelt – weil es ja so praktisch ist. Das lockt Bienen an, verhindert das Aufheizen des Stadtklimas und bringt buchstäblich Licht in das Dunkel eines fehlgeleiteten Umweltaktivismus. Nicht erst seit Abschaffung der Baumschutzsatzung wird gefällt was die Kettensägen hergeben, zuletzt besonders sichtbar vor dem Arbeitsamt und Jobcenter der Stadt.

Für die Realschule, zwischen Hornscher Straße und Werre, werden ebenfalls Böden versiegelt und Bäume gefällt, um Parkplätze für die ökologischen Elterntaxis zu schaffen, während bereits vor zwei Jahren, in nur 200 Metern Entfernung, dutzende Bäume gefällt wurden, um ein Rückhaltebecken zu bauen, das die Auswirkungen der zunehmenden Flächenversiegelung eindämmen soll. Infrastrukturplanung absurd!

Derweil steht der ökologische Ruin dem ästhetischen Bankrott in Detmold tapfer zur Seite. Hand in Hand zeigen sie – und dies ist nur ein Beispiel von vielen – was man, in diesem Fall, von der belgischen Partnerstadt hält. Hasselt, das mit einem (fast) kostenlosen ÖPNV den Bau eines Stadtringes für Autos überflüssig machte, widmet man am „Hasselter Platz“ ein Parkhaus mit angeschlossenem Supermarkt. Neben das ehrwürdige und ansehnliche Sozialgericht hingerü(m)pelt befinden sich 200 Autoparkplätze und 10 schmuddelige Fahrradstellplätze, die deutlich machen wo für den Stadtrat die Prioritäten liegen. Die Phantasielosigkeit und Hässlichkeit, dieses Monuments städtebaulicher Regression in Lippe, steht in krassem Gegensatz zu der progressiven Gesinnung seiner wohl verehrtesten historischen Persönlichkeit, der Fürstin Pauline.

Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her, und auch wenn Bürgermeister keine Fürsten sind, so haben sie doch erhebliche Möglichkeiten, um ihre Kommunen „fit für die Zukunft“ zu machen – es sei denn es geht Ihnen nur darum möglichst viele Amtszeiten durchzustehen. Eine Stadt für Autos zu planen hat ungefähr so viel Zukunft, wie die Braunkohle und macht Städte hässlicher, statt schöner. „Hass macht hässlich“ sagen viele – und „Hässlichkeit mach Hass“ möchte man reflexhaft ergänzen. Aber in jedem Fall ist die Forschung längst zu dem Ergebnis gekommen, dass sie Angst macht.


Links:

„Natur-Defizit-Syndrom: Grün-Entzug kann Gesundheit schaden“ www.abendblatt.de/vermischtes/article216480465/Natur-Defizit-Syndrom-Gruen-Entzug-kann-Gesundheit-schaden.html

Klaus Bürgle: http://klausbuergle.de/images/radtke/750/radtke_autopilot.jpg

Immer wieder hört man bei Gesprächen über umweltfreundliche Verkehrsmittel mit Menschen in OWL die Formulierung „…aber bei uns auf dem Platten Land… …“. Auch wenn große Teile von OWL gar nicht platt sind, so ist damit wohl gemeint, dass die Bevölkerungsdichte zu gering sei, um Alternativen zum Auto sinnvoll nutzen zu können. Allerdings kann diese Annahme nur auf relativen Größen beruhen: natürlich ist die Bevölkerungsdichte in OWL deutlich geringer, als in Berlin, doch im Vergleich z.B. zur Region Freiburg ist sie höher. Und mit diesem, sinnvolleren, Vergleich kann man auch sogleich anschaulich machen, dass erschwinglicher, effizienter ÖPNV „auf dem platten Land“, als alternative zum Auto, durchaus möglich ist. Denn in dem großen Gebiet in und um Freiburg kostet das Monatsabo nur 50 Euro! Für einen vergleichbaren Bereich in OWL kostet es 190 Euro! (Lesen Sie mehr darüber hier und hier.) Wenn man dann noch weiß, dass die Freiburger „80% der Wege in der Stadt umweltfreundlich“ zurücklegen, dann wird einem schnell klar, das OWL noch sehr viel Luft (!) für Verbesserungen hat.

So weit  zum ÖPNV. Aber auch beim Radfahren soll uns die Luft nicht wegbleiben. Laut der Studie „Umweltbewusstsein Deutschland“ des Umweltbundesamtes (Seite 63) können sich rund Zweidrittel der Kleinstadtbewohner vorstellen mehr mit dem Fahrrad zu fahren. Gerade in Kleinstädten macht das Sinn, denn die Wege dort sind kurz und mit dem Fahrrad fast überall schneller von Tür zu Tür zu bewältigen, als mit dem Bus. Und sogar im Vergleich zum Auto sind viele Wege hier mit dem Fahrrad schneller erledigt.

Nun wird auch hier gerne „das Platte Land“ bemüht, um zu erklären warum es ausgerechnet in unserer Stadt nicht geht. Allerdings in einem etwas anderen Sinne: dieses Mal geht es tatsächlich um Berge. Gütersloh und Minden (mit seinem für OWL recht hohen Fahrradanteil) sind für klassische Fahrräder tatsächlich plattes Land und werden somit von der durchschnittlichen „couch-potato“ als ideales Fahrradterrain gesehen. Doch im Zeitalter des Pedelecs (eBike) haben solche Differenzierungen ihren praktischen Sinn verloren. Wer in Detmold oder Blomberg sein Auto mit dem Fahrrad ersetzen möchte, kann dies ganz ohne schweißtreibende Aktivitäten tun. Höchstens die Preise der Pedelecs können Geringverdienern noch den Schweiß auf die Stirn treiben. Für Angestellte und Ihre Arbeitgeber bietet sich anllerdings immer die Möglichkeit des „Jobrads„, um das Pedelecfahren erschwinglich zu machen.

Gefragt sind indes die Kommunen, sich deutlich intensiver um ihre Fahrradinfrastruktur zu bemühen. Der Columbianische Nationalökonom und Bürgermeister von Bogota, Enrique Peñalosa, sagte einst im deutschen Eisenbahnmagazin „Mobil“ (Nr.08, 2008): „Ob eine Stadt zivilisiert ist, hängt nicht von der Zahl ihrer Schnellstraßen ab, sondern davon, ob ein Kind auf dem Dreirad unbeschwert überall hinkommt.“ Von einer solchen Mentalität kann man bei Bürgermeistern in OWL bisher nur träumen. Peñalosa hat viel für einen umweltfreundliche ÖPNV, in seiner bis dahin am Autoverkehr erstickenden Stadt, getan. Er schielte nicht, wie z.B. der Bürgermeister von Detmold, auf die vierte Amtszeit, sondern war besorgt um das Wohl seiner Bürger und setzte Maßnahmen um, die erst unpopulär waren, später aber von einer großen Mehrheit begrüßt wurden. Solche Bürgermeister und Stadträte brauchen wir in OWL!


Studie „Umweltbewusstsein Deutschland“ des Umweltbundesamtes:

http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/umweltbewusstsein_deutschland_2016_bf.pdf

Die Grenzen des Wachstums, in einem geschlossenen System, verstehen schon Kinder, wenn sie einen Luftballon zu stark aufblasen. Und auch wenn es um Flüchtlinge geht versteht eine Mehrheit, dass es Grenzen der Aufnahmefähigkeit gibt.

Geht es allerdings um die eigenen Ansprüche, also zum Beispiel immer größere Autos fahren zu wollen, immer öfter, immer weiter mit dem Flugzeug zu fliegen und ganz allgemein immer mehr und billiger zu konsumieren und zu verbrauchen, dann scheint das Evidente plötzlich relativierbar und diskutierbar. Die Naturgesetze werden in solchen Diskussionen mit lässiger Geste außer Kraft gesetzt und auch mathematische Grundregeln werden wie lästige Fliegen beiseite gewedelt. Und die Grenzen des Wachstums, im de facto geschlossenen Lebensraum der Menschen, dem Planeten Erde, sind nur noch ein Thema für Öko-Spinner und Spaßverderber.

Und was dem Bürger recht ist, das ist der Politik billig. Sobald es um die eigenen „Goldenen Kälber“ und Wunschvorstellungen geht ist jeder Unfug heilig. Hart gesottene ökonomische Sparschweine, leben mit Hingabe über die Verhältnisse der (globalen) Allgemeinheit. Eine schwarze Null macht eben noch lange keine grünen Sommer. Das ökonomische „Sparen“ lebt vor allem auch von der „Externalisierung“ – der Verlagerung der Kosten auf Andere: die Umwelt, die natürlichen Lebensgrundlagen und andere Menschen, die weniger oder gar nicht davon profitieren. Es ist das Sankt Florians Prinzip und das „I’m allright Jack“ zusammengenommen.

Und OWL ist an vorderster Front mit dabei. Hier hat man das Gefühl die 70er Jahre, das „Goldene Zeitalter“, in einer Dauerschleife zu erleben: Höher, schneller, weiter, – viel, mehr, am Meisten –  obwohl wir seit genau dieser Zeit wissen was und blüht, wenn wir unser Verhalten nicht ändern.

Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome von 1972 war ein weltweiter Bestseller der bis heute keinen Deut an Aktualität verloren hat, Updates inklusive. Es scheint aber, je mehr wir davon wissen, desto mehr wollen wir ignorieren, dass dieses Gesellschaftsmodell, das das Wirtschaftswachstum zur zentralen Staatstugend erkoren hat, für unsere Kinder und Enkel keine Zukunft schafft. Und nicht nur der Club of Rome, sondern sogar die Ölindustrie sprach ganz unverhohlen z.B. über den drohenden, von Menschen gemachten, Klimawandel, um freilich in der Folge die Fakten sofort wieder umzudeuten, damit das eigene Geschäftsmodell nicht gefährdet würde.

Und weil sie all diese Erkenntnisse ignoriert, kann die Politik in OWL auch unverdrossen weiter neue Umgehungsstraßen, Gewerbeparks und eben „Wachstum“ fordern. Was wir aber wirklich brauchen ist ein neues Geschäftsmodell, das auf dem Prinzip der „Stationären Wirtschaft“ beruht, die schon John Stuart Mill vor fast 150 Jahren für letztlich unabdingbar hielt. Und „letztlich“ ist jetzt, heute. Und bei einer Weltbevölkerung von 7 Milliarden und steigend, können wir auch von unseren Politikern in OWL mehr Ernsthaftigkeit erwarten, als immer nur nach denselben alten Rezepten zu kochen.

Es ist Zeit für den Wandel in OWL. In Lippe bemühen sich schon einige Bürger darum. Und auch in Bielefeld und Gütersloh. Wenn wir es in OWL schaffen können, dann schaffen wir es überall auf der Welt!

Mit einer der teuersten Tarifstrukturen in Deutschland verhindert OWL den Umstieg vom Auto auf die Bahn

OWL, Westfalen (gibt’s das überhaupt als reale verwaltungspolitische Einheit?) oder NRW? Wer für das Monster-Reförmchen des ÖPNV im Osten NRWs letztendlich verantwortlich ist, kann in dem Labyrinth der (politischen) Kompetenzen nur schwer ermittelt werden. Das Wirrwarr überträgt sich jedenfalls nahtlos auf die Preisstruktur und zwar in erster Linie in der Form von grotesk überzogenen Preisen und der Wahlmöglichkeit „Alles, oder zu wenig“ für Menschen die in erster Linie in OWL unterwegs sind, also im Regierungsbezirk Detmold für den wir folgendes feststellen:

Es gibt immer noch keine Monatskarte für Gesamt-OWL, sondern man entscheidet sich entweder für den bisherigen „Sechser“-Bereich (jetzt Teuto-OWL – also die Kreise Lippe, Herford, Minden-Lübbecke, Gütersloh und die Stadt Bielefeld) der „Preisstufe 7“ (jetzt 7W, was wohl für Westfalentarif steht) zum Abo-Preis von sagenhaften €190,70 – oder gleich für GANZ Westfalen (12W), also von der Weser bis an die Holländische Grenze und von Minden bis Dortmund für €241,70. Während letzteres also vergleichsweise attraktiv erscheint, bleibt das Monatsabo 7W unerschwinglich für die meisten Menschen in OWL, die Ihre Mobilität umweltfreundlich und an ihren Bedürfnissen ausrichten wollen.

Denn es stellt sich hartnäckig die Frage, ob die, dieser Preisstruktur zugrundeliegende, Einschätzung des Kundenverhaltens realistisch ist. Bielefeld und Paderborn sind für OWL die Oberzentren, zu denen sich die meisten Menschen hin orientieren, sei es zur Arbeit, zur Uni, oder zum Schoppen. Es dürften wohl eher wenige von Detmold nach Coesfeld pendeln, oder zum Einkaufen fahren.

Doch über all diesen Überlegungen schweben ohnehin die, seit Jahrzehnten offenbar klaglos hingenommenen, exorbitanten Preise für Einzel- und Monatstickets. Der vergleichsweise moderate Preis für das Westfalentarif-Gesamtnetz kann nicht über die insgesamt inakzeptablen und – man muss es immer wieder sagen – ungerechten Preise hinwegtäuschen. Mit €190,70 ist das Monatsticket W7 vier Mal teurer, als das Monatsticket der vergleichbaren Region Freiburg. Man stelle sich vor, was los wäre, wenn die Autos oder das Benzin in OWL vier Mal teurer wären, als in der Region Freiburg…

Die Situation zeigt, wie wenig den politisch verantwortlichen in NRW und in der Region die umweltfreundliche Mobilität ihrer Bürger am Herzen liegt. Und es gälte in der Tat juristisch zu klären, ob solche erheblichen Benachteiligungen einer Region bei der Mobilität überhaupt rechtens sein können. Gerecht sind sie in jedem Fall nicht.

Dass es ganz in der Nähe auch anders geht, kann man im Landkreis Hameln-Pyrmont erleben. Während die Einführung des „Westfalen-Tarifs“ wie selbstverständlich dafür benutzt wurde die Monatskarten-Preise der Preisstufe 7 weiter anzuheben, geht man in Hameln-Pyrmont andere Wege, mit erwartbaren Resultaten. Die „Neue Woche“ aus Hameln schreibt dem 1. Kreisrat des Landkreises Hameln-Pyrmont, Carsten Vetter, die Aussage zu, dass sich der Verkauf von Monatskarten, direkt nach der Einführung der neuen Tarife, verdreifacht hat.

Der Geschäftsführer der „Öffis“, Arne Behrens, wird in der „Neuen Woche“ so zitiert: „Zurzeit gehen wir aufgrund von Befragungen unserer Mitarbeiter von rund 20 Prozent Neukunden aus. Monatskarten und Abo haben nicht nur hinsichtlich der Stückzahl, sondern auch bei den Einnahmen deutlich zulegen können. Es handelt sich mindestens um eine Verdopplung der geplanten Einnahmen. Wenn sich die Entwicklung so fortsetzt, haben wir bei Monatskarten und Abo die Chance, die 1 Millionen-Euro-Marke zu knacken“.

Während also in Hameln-Pyrmont die Preise für Zeitkarten um 50% gesenkt wurden, kennen sie in OWL nur eine Richtung: nach oben. Die Preisstufe 7 ist im August immerhin um ca. 3% teurer geworden. Die Fahrrad-Monatskarte sogar um 33% von €20.- auf €30.- !  Warum die Lage so ausweglos ist, darüber darf man gerne spekulieren, aber die zum Teil auf Verschleiß fahrenden Eisenbahnen und die immer weiter zurückgebaute Schieneninfrastruktur, dürften einen, durch preiswerte Monatskarten ausgelösten, Ansturm der Fahrgäste kaum bewältigen. Systematisch und vermutlich mutwillig wurde kostbare Infrastruktur zu Gunsten des Autoverkehrs jahrzehntelang vernachlässigt. In dieser Gewohnheit hat man sich offenbar eingerichtet. So werden z.B. Bahnhöfe zu „Haltepunkten“ rückgebaut, weshalb Verspätungen immer schlechter auszugleichen sind. Und anstatt alles nur erdenklich Mögliche zu tun, um im Sinne der ehrgeizigen, aber in diesem Lichte völlig unrealistischen, Klima- und Umweltschutzziele unserer Regierungen, den ÖPNV in das 21. Jahrhundert zu bringen, befindet man sich eher auf dem Niveau der 70er Jahre.

Was die Software im Diesel-Skandal zum Hardwareproblem der Autos ist, das ist der Westfalen-Tarif zum Eisenbahn-Infrastruktur-Problem der Region.

Tagpfauenauge in den Lavendelfeldern bei Fromhausen


Seit vier Jahren lebe ich in Detmold. Als ich hierher zog war mein größter Wunsch möglichst naturnah zu wohnen. Bäume wollte ich sehen, nachdem ich dem Berliner Steindschungel entkommen war, und Ruhe von Verkehrslärm wollte ich auch. Beides habe ich gefunden.

Im Grunde genommen ist meine Wohnung in der Nähe des Dolzer Teiches die Quadratur des Kreises. Mit dem Fahrrad bin ich von dort in weniger als 5 Minuten auf dem Marktplatz und kann das durchaus urbane Detmolder Stadtleben mit seinen vielen schönen Cafés, Geschäften und kulturellen Einrichtungen genießen. Wenn ich zu Hause bin, dann sehe ich von meinen Fenstern aus nichts als Bäume und eine wunderbare Parklandschaft direkt um mich herum. Nachts herrscht, spätestens ab Mitternacht, meist aber schon um einiges früher, völlige Stille. Im Sommer öffne ich nachts meine Fenster auf allen Seiten sperrangelweit. Es ist so still, dass man keinen Unterschied hört, ob die Fenster geschlossen sind, oder weit geöffnet. Und das so nah an der Innenstadt! In Berlin ein unvorstellbarer Gedanke, egal ob man eine Wohnung im Hinterhof, im Vorderhaus oder „JWD“ bewohnt. Irgendetwas dröhnt immer. Wenn es keine Autos sind, dann eine Eisenbahn, die Touristen oder die vielen Flugzeuge, die Berlin ein Dauerdröhnen bescheren.

Am Ende des ersten Sommers mit offenen Nachtfenstern wurde mir plötzlich klar, dass ich nicht einen einzigen Mückenstich erlitten hatte, was mich stutzig machte, ist doch der Dolzer Teich gerade einmal 150m entfernt. Zudem wachsen mir die Bäume fast schon in die Wohnung und unter der Baumwand auf der anderen Seite des Rasens ist ein immer feuchter Humus und Blätterteppich, vor allem in diesem letzten Sommer. Auf dem ungedüngten Rasen grasen das ganze Jahr, tagaus tagein, die Amseln und oft stehen unter den Birken große Pfützen.

Aber auch andere Insekten verirren sich kaum in meine Wohnung. Irgendwann mal eine Spinne, neben den Weberknechten, die sich in den Ecken immerhin als Dauergäste eingefunden haben, genau wie die obligatorischen Stubenfliegen im Hochsommer, die endlos um meine nicht vorhandene Schlafzimmerlampe kreisen. Auch an eine Hornisse auf Stippvisite erinnere ich mich dunkel.

Gleichzeitig mit meiner verwunderten Beobachtung trudelten die ersten Meldungen über das Insektensterben ein, das wohl erst mit der neuesten Erhebung so richtig amtlich sein will. An einen Bericht aus der Uckermark bei Stabeshöhe erinnere ich mich, was mir besonders verwunderlich erschien, sind doch die Seenlandschaften und Wasserlöcher ohne Mücken undenkbar. Und in der Tat wurden in den Wasserlöchern extrem hohe Pestizidwerte gefunden, die ein Zigfaches über den Grenzwerten lagen.

Nun mag man sich fragen, was beschwert sich der Mann über einen ruhigen mückenlosen Schlaf bei frischester Luft? Zumal es ja auch nicht so ist, dass lästige Insekten gar kein Thema mehr wären. Vergesse ich einmal, was selten vorkommt, meine Sonnenbrille beim Radfahren, dann finden winzige fliegende Insekten IMMER zuverlässig mindestens eines meiner Augen. Und in der Tat ist es ein himmlisches Gefühl nachts im eigenen Bett dem Atem der Natur so nahe zu sein, ohne von Mücken in den Wahnsinn getrieben zu werden.

Doch kann wohl so nur denken, wer den größeren Zusammenhängen völlig gleichgültig oder ahnungslos gegenübersteht. Denn wer keine Insekten haben will, der mag wohl auch keine Vögel und keine Früchte, die von Insekten bestäubt werden. Aber wie immer wenn sich Wissenschaftler mit Warnungen an die Bevölkerung wenden melden sich natürlich prompt die Leugner und Abwiegler zu Wort, wie z.B. Manfred Uhlemann (Video 1:17) vom sächsischen Bauernverband. „Vom Insektensterben will er nichts wissen“ sagt die Deutsche Welle. „Aus meiner Sicht größter Blödsinn, denn wir haben immer wieder ein Auf- und Ab der Populationen der einzelnen Tierarten“, sagt er selbst. Das mag so sein, doch wird eine ganze Phalanx von Wissenschaftlern diese Effekte sicherlich mit in Betracht ziehen, genau wie die Klimawissenschaft zwischen Wetter und Klima unterscheidet.

Und so kann man einzelne Warnungen in den Wind schlagen und „die Dinge gelassen sehen“. Doch die sich verdichtenden Warnungen seit dem Report des „Club of Rome“ von 1972, mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ ignoriert nur wer zu bequem ist sich Gedanken zu machen und den kommenden Generationen den „benefit of the doubt“ verweigert – den „Vorzug des Zweifels“, bzw. den Zweifel zu Gunsten derer, die sich heute noch nicht verteidigen können.

Und selbst wenn es nur eine Wahrscheinlichkeit von 10% gäbe, dass wir für die ganzen Umweltprobleme verantwortlich sind, würden vernünftige Menschen versuchen dieses Risiko auszuschließen, so wie sie es tun, wenn sie eine Rechtsschutzversicherung abschließen, den Fuchsbandwurm vermeiden oder ein Datenbackup machen. Während wir bei solchen, vergleichsweise trivialen, Dingen geradezu mimosenhaft vorsichtig sind, spielen wir mit unseren Lebensgrundlagen russisches Roulette. Vielleicht versuchen Sie es ja mal: ein Zehnermagazin mit nur einer Kugel. Wie beherzt drücken sie ab?


Umgehungsstraßen zerstören das Lippische Landschaftsbild zunehmend. B238 bei Lemgo


Das Umweltinstitut München berichtete in den letzten Tagen über die kleine Anfrage der Grünen im Bundestag zum massiven Vogelsterben in Deutschland. Hauptverursacher ist die pestizid- und herbizid-basierte industrielle Landwirtschaft. Ganz vorne mit dabei OWL, wo mit 5% der schon sehr magere landwirtschaftliche Bio-Anteil im Bund von 6,5%  noch einmal deutlich unterschritten wird.

Dazu kommt der ungebremste Wille der Kommunen in OWL ihre stadtnahen Biotope durch Umgehungsstraßen zu zerstören und immer neue Gewerbeparks auszuweisen. Die Nordrhein-Westfälische Zersiedlungspolitik wird vom Regierungsbezirk Detmold sogar vehement eingefordert. Die zarten Bemühungen der abgewählten Rot-Grünen Regierung in Düsseldorf, die Flächenneuversiegelung nur leicht zu bremsen, wurden in der Version 1 und Version 2 der so genannten „Detmolder Erklärung“ auf das heftigste gegeißelt. Ganz NRW, so wird in diesen Dokumenten gefordert, solle zu einer „Metropolregion“ erklärt werden.

Wo auf der einen Seite neue teure Umgehungsbollwerke („Boulevard“) geschaffen werden, die einer Verkehrsreduzierung für den Klimaschutz direkt entgegenarbeiten, werden alte ländliche Feldwege beseitigt. Ein Jäger aus dem zentralen Lippe, der namentlich nicht genannt werden will, berichtete der Redaktion, dass ein Bauer in seinem Jagdrevier einen alten Feldweg untergepflügt hatte, der bis dahin zwei Dörfer miteinander verband. Ohne bedeutende Konsequenzen. Der Landwirt sollte als Ersatz lediglich ein paar Bäume pflanzen, wobei nicht ganz klar ist wie einem Fußgänger, Wanderer oder Radfahrer, der nun einen großen Umweg auf sich nehmen muss, durch das Pflanzen von ein paar Bäumen geholfen wird. Das Phänomen ist auch den Umweltverbänden bekannt, aber die Art der Ahndung dieses Verhaltens seitens der Agrarindustriebetriebe, dürfte bei vielen Mitgliedern Kopfschütteln auslösen.


Links:

Untergepflügte Feldwege: Landwirt muss sie wieder herstellen oder ausgleichen

Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt: Nabu kritisiert Unterpflügen von Feldwegen

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Grünen

www.umweltinstitut.org/fileadmin/Mediapool/Aktuelles_ab_2016/2017/2017_05_05/Antwort_der_Bundesregierung_auf_Stummer_Frühling_-_Verlust_von_Vogelarten.pdf

 

Gefährdung des Radverkehrs in Detmold-Hohenwart (Barntruper Straße)

Detmold an einem Maiabend. Vor dem Rathaus stehen drei Streifenwagen der Polizei, die gelangweilt eine Demonstration von ca. 10 Personen bewacht. Wie so oft, wenn nicht viele Menschen in der Fußgängerzone unterwegs sind, fahre ich hier mit dem Fahrrad und in einer halben Stunde ist es ohnehin ganz offiziell erlaubt. In vielen Städten Deutschlands ist das mittlerweile ganztägig der Fall.

Einer der gelangweilten Polizisten wird auf mich aufmerksam und heißt mich abzusteigen oder 10 Euro Bußgeld zu bezahlen. Ich sage ihm, dass ich für das Vergnügen, hier Rad zu fahren, gerne 10 Euro bezahle – und was ich von Verfolgungseifer gegen Radfahrer an diesem Ort halte. Er nimmt meine Personalien auf, und ich radle weiter zum Schlosspark.

Eine Woche später erhalte ich eine „Schriftliche Verwarnung mit Verwarnungsgeld / Anhörung“ und einer „Rechnung“ über 20 Euro, die ich mit einer Stellungnahme und einer Zustimmung zur Zahlung des Bußgeldes beantworte. Eine weitere Woche später erhalte ich einen Bußgeldbescheid über €43,50 bei dem allein die nicht näher beschriebenen „Gebühren“ 25 Euro betragen…

So weit die bürokratische Realität. Die politische ist allerdings noch viel trostloser. Während die Stadt Detmold an vielen ihrer Straßen RadfahreInnen und FußgängerInnen per Beschilderung auf gemeinsame Wege ZWINGT, führt sie ausgerechnet in der Fußgängerzone einen hartnäckigen Kampf gegen diese traute Zweisamkeit. Die „Kreispolizeibehörde Lippe“ lässt sich offenbar willig für diesen Kampf einspannen. Andernorts ist sie nicht so dienstbeflissen. Wenn es z.B. um die gemeinsamen Rad-Fußwege an den Ausfallstraßen geht, dann werden ganze Schwärme von dort rechtswidrig abgestellten Autos ignoriert und zuständig ist dann plötzlich das Ordnungsamt, obwohl es sich um eine erhebliche Gefährdung des Fuß- und Radverkehrs an diesen Stellen handelt. Radfahrer müssen auf die Straße ausweichen und Kinder zwängen sich auf dem Schulweg und beim Spielen an den Autos vorbei.

In seiner Selbstdarstellung gibt sich der Kreis Lippe die Bezeichnung „fahrradfreundlich“. In seiner „Hauptstadt“ hegt man, entgegen aller Rhetorik, eine verbissene Antipathie gegen Radler. Das zeigt sich nicht nur in der Jagd auf RadlerInnen in der Fußgängerzone, sondern auch an der Situation insgesamt. Obwohl Lippe gerne seine Verbindung zum Niederländischen Königshaus erwähnt, ist dessen lippische Verwandschaft, im Bezug auf den Radverkehr, doch eher eine bucklige.


…„…Unser Ziel ist es deshalb im Kreis Lippe den Anteil der Fahrradfahrer deutlich zu erhöhen…“…
Landrat Dr. Lehmann zur Radverkehrsförderung im „fahrradfreundlichen“ Kreis Lippe

https://www.youtube.com/watch?v=6NbH23Y7_3Y

Gerne wird von „konservativen“ Parteien das Wort „Leitkultur“ bemüht, doch ganz offenbar ist dies ein Begriff den sie sehr selektiv benutzen. Wenn es nämlich um den Erhalt der einstmals besonders reizvollen lippischen Kulturlandschaft geht, dann steht diese einem hemmungslosen Ausverkauf zur Verfügung. Keine Idylle, kein Naturschutzgebiet, kein Naherholungsgebiet ist vor dem sicher was die Mehrheit der lippischen PolitikerInnen für „Fortschritt“ hält und man fragt sich was die Konservativen denn so konservieren. Vermutlich eben dieses seit mindestens drei Jahrzehnten überholte Konzept von „Fortschritt“.

Traditionen der Baukultur und Landschaftspflege, die in nicht unerheblichem Maß identitätsstiftend wirken, wie man zahllosen Werken der deutschen Literatur entnehmen kann, gelten nicht viel, wenn neue Steuereinnahmen winken. Aber wie befahl Mario Adorf, in seiner unvergesslichen Rolle des Generaldirektor Haffenloher in der Serie „Kir Royal“, den Lakeien nachzusprechen: „Geld regiert die Welt und für Geld mach ich alles“. Eine Botschaft, die in Lippe offenbar auf fruchtbaren Boden fällt.

Ob am Oetternbach in Jerxen-Orbke, am Radsieksbach und der Ilse in Lemgo, oder an der Berlebecke in Hornoldendorf, oder am nun bereits verschwundenen Scherenkrug in Oerlinghausen und vielen weiteren Bauvorhaben: überall droht die Vernichtung von Kultur und Natur für eine Politik, die im Jahr 2018 immer noch nicht begriffen hat, dass die Fläche Lippes noch begrenzter ist, als die Natur und die Ressourcen unseres Planeten.

Ewiges Wirtschaftswachstum ist eine Illusion, doch die Lipper möchten noch schnell ein letztes Opfer bringen, bevor der Ökozid perfekt ist. Eine Art anti-ökologischer Volkssturm in Erinnerung an die goldenen Zeiten des Wirtschaftswunders. Die Devise heißt: „Immer noch mehr!“ Und was ist schon ein Naturerlebnis gegen das Shoppingerlebnis im neuesten Shoppingparadies?

Über Alternativen zur Zersiedelung, durch immer neue Gewerbegebiete, und zu einer völlig verkehrten Verkehrspolitik machen sich die Stadträte ungern Gedanken, denn das hieße dicke Bretter bohren und Phantasie zulassen, oder gar von den Partnerstädten lernen. Die Detmolder Partnerstadt Hasselt ist weltberühmt, nur weiß das fast niemand in Detmold und schon gar nicht wofür. 1997 wurde dort der kostenlose Busverkehr eingeführt, mit hervorragend positiven Effekten für die Stadt. In Detmold und in Lippe ist das natürlich keine Option, denn hier ist man vor allem gut darin Gründe zu finden, warum etwas NICHT funktionieren kann. Stattdessen erfreuen wir uns daran in der so ziemlich teuersten ÖPNV-Region Deutschlands zu leben. Hier beschwert sich niemand dass er fünf Euro für eine Busfahrt in die Nachbarstadt zahlen muss, denn er fährt erst gar nicht mit…

Viel lieber zerfahren wir mit dem Auto unsere (Stadt-)Landschaften und verpesten die Luft unserer ehemals schönen Kleinstädte mit Abgasen, während Bahnhöfe abgebaut oder zu „Haltestellen“ heruntergestuft  werden (Ehlenbruch), was nebenbei zu mehr Verspätungen führt. Da steht man dann in Oerlinghausen  bei laufendem Dieselmotor einfach mal 15 Minuten auf dem Gleis bis der verspätete Zug an den wartenden Fahrgästen vorbeirauscht. Das nehmen wir für den „Fortschritt“ aber klaglos hin – und träumen von der „Metropolregion NRW“ (Detmolder Erklärung) damit es hoffentlich bald überall so aussieht wie in Bochum, Essen und Dortmund…

von Annette Heuwinkel-Otter
10. Apr. 2018

Die letzte Mitteilung war durch einen Artikel der Lippischen Landes-Zeitung geprägt. Der technische Beigeordnete Thomas Lammering bedauert darin, dass der Stadt Detmold wegen der Verzögerungen die Zeit wegläuft. Er versucht die Urteilsbegründung, die für die Stadt Detmold einer Ohrfeige gleich kommt, zu erklären: „Wir haben bei der Planung Gutachter eingebunden und hatten keine Zweifel, dass alles in Ordnung ist. Das Gericht hat aber eine andere Auffassung dokumentiert. Wir hätten daher wohl mehr in die Tiefe gehen müssen.“

Richtig ist, dass für Teilbereiche Gutachter eingebunden waren. Sind die nun Schuld an der Misere? Es hört sich fast so an.
Fakt ist aber auch, dass Mitarbeiter der Stadtverwaltung Berechnungen und Planungen erarbeitet haben, z.B. zum Thema Lärmemissionen. Diese hat das Gericht vor allem bemängelt. Ein Aspekt der nicht verschwiegen werden sollte. Im Sinne einer modernen Fehlerkultur heißt es: Fehler macht jeder, aber man muss dazu stehen und dazu gehört offen darüber sprechen!

Möglicherweise hat die Stadt Detmold nun ein Problem, wie Herr Lammerig im Bezug auf die Gutachter andeutet. Weder externe Gutachter noch die eigenen Mitarbeiter der Stadtverwaltung scheinen die komplexe Situation erkannt und adäquat bewältigt zu haben. Diese Erkenntnis könnte das „in die Tiefe gehen“ bei einem zweiten Anlauf für die Realisierung der Gewerbefläche extrem erschweren, wobei eine exakte, tiefgreifende, wohlüberlegte, durchdachte Planung wohl unerlässlich ist, angesichts der Idee ein Gewerbegebiet direkt an ein Naturschutzgebiet angrenzen lassen zu wollen. Ob diese Idee letztendlich nur kühn und nicht realistisch ist, steht in den Sternen oder weiß nur der Milan auf dem Foto.


Anette Heuwinkel-Otter ist in Detmold geboren und engagiert sich für den Artenschutz und umweltpolitisch.


Unterschreiben Sie auch die Petition auf Change.org:

https://www.change.org/p/b%C3%BCrgermeister-der-stadt-detmold-rainer-heller-sch%C3%BCtzt-menschen-und-tiere-im-detmolder-westen/psf/share?after_sign_exp=default&just_signed=true

„Aktionsbündnis: Schützt Menschen und Tiere im Detmolder Westen“. http://www.oetternbach.de